Blick ins Kinderzimmer: Videostreamer YouNow ist gefährlich

| 7. Februar 2015 | 2 Comments

YouNow IconMan kommt sich ja immer etwas wie ein Spielverderber oder Moralapostel vor, wenn man gegen einen neuen Trend schreibt, insbesondere, wenn der bei Jugendlichen angesagt ist. Da ich aber wahrscheinlich ohnehin bald von Medien dazu angerufen werde, kann ich auch heute schon meine Meinung zu der App YouNow: Sende Dein Programm schreiben. Die bereits 2012 veröffentlichte Videostream-App erlebt zur Zeit einen Höhenflug und ist zeitweise sogar in den App Store Charts unter den ersten zehn der meistgeladenen Apps.

YouNow bietet die Möglichkeit, von überall aus als Sender Live-Videos zu streamen und mit den Zuschauern zu chatten. Besonders beliebt ist das derzeit bei Jugendlichen. In den Nutzungsbedingungen (die ohnehin keiner liest), steht, dass man YouNow nutzen darf, wenn man 13 Jahre oder älter ist…

Wenn man sich die Videobeiträge ansieht, dann sieht man überwiegend Mädchen im Alter von geschätzten 12 bis 18, die nun live auf Sendung gehen und versuchen, möglichst viele Fans zu bekommen, denn das ist cool und eine Art Beliebtheitswettbewerb.

Diese Fans sind Nutzer der App, die die Videos der Mädels live sehen und über die Chatfunktion kommentieren. Ich habe mir gestern mal einige Minuten einen solchen Video-Livestream angesehen. Das waren zwei Mädels aus der Region Bodensee, die in einem eher luxuriös ausgestatteten Wohnzimmer mit großem Flatscreen-TV im Hintergrund, rumplauderten. Das waren ganz normale Mädchen, die Spaß daran hatten, sich begehrt zu fühlen und herumalberten. Da ging es zum Beispiel darum, wo die Mädchen sich gerne tätowieren lassen würden, welche Motive bevorzugt werden und wen man warum geblockt habe.

YouNow Screens

Was so harmlos erscheint, kann übel enden. Niemand weiß, wer die YouNow Live-Videos der zumeist Minderjährigen sieht und welche Infos preisgegeben werden.

Die offenbar überwiegend männlichen Zuschauer kommentierten in einer Art, die ich nur unangenehm nennen kann. Manche wollten, dass die Mädels sich ausziehen, andere fragten nach der Adresse oder Telefonnummer und manche beleidigten sie sogar.

Hier sehe ich eine große Gefahr, denn wenn Jugendliche hier unbedacht Informationen freigeben (und das passiert einfach mal) oder die Steigerung der Fanzahlen sogar mit nackter Haut fördern wollen, driftet das nicht nur ab, es kann auch sehr gefährlich werden.

Passenderweise sind die beliebtesten Hashtags auch #girls und #deutschgirl. Eltern kann man nur empfehlen, mal zu überprüfen, ob ihre Kinder YouNow auf dem Smartphone oder Tablet installiert haben – auch ein Gespräch über die Gefahren dieser Live-Streams sollten Eltern mit ihren Kindern führen. Keiner weiß, wer sich tatsächlich hinter Pseudonymen versteckt, das muss man den Heranwachsenden klar machen. Es gibt draußen nun mal auch eine Menge Menschen, denen man nicht wirklich in den eigenen vier Wänden oder auf dem Weg zur Schule begegnen möchte…

Dazu macht es tatsächlich Sinn, die App runterzuladen und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen die Videostreams anzusehen und die dazu eingehenden Kommentare zu lesen und darüber zu sprechen. Man kann auch eine Übung machen:

Wenn man die App öffnet, gibt es einen zufälligen Live-Stream, der angezeigt wird. Das kann man also auch ganz anonym und ohne Anmeldung sehen. Wer hier richtig aufpasst, kann bei vielen Sendern innerhalb weniger Minuten ein Profil der sendenden Person erstellen und erfährt durch die Reaktion auf Chatbeiträge der angemeldeten Teilnehmer unter Umständen auch die Adresse, Telefonnummer, Skype-Name und den echten Namen der sendenden Person. Dazu nimmt man sich ein Blatt Papier und schreibt alle Infos mal auf – Ihr werdet erschreckt sein, wieviel man in kurzer Zeit erfahren kann und dann kommt es nur noch auf die richtige Kombination der erhaltenen Infos an…

Für die sendenden Teilnehmer selbst kann es auch ähnliche Probleme, wie sie von Chatroulette bekannt sind, geben. Dass ihre Videos nämlich mitgeschnitten, bearbeitet und weiterverteilt werden – und das kann sehr unangenehm werden.

Bei diesen Gefahren mutet es schon fast kleinlich an, wenn man noch anmerkt, dass die Nutzungsbedingungen und Datenschutzbestimmungen, denen man bei Anmeldung zustimmen muss, natürlich nur in englischer Sprache vorliegen, viel zu klein geschrieben sind und überdies dem Veranstalter des Videozaubers alle Rechte einräumen, während der Nutzer nahezu komplett rechtlos gestellt wird. Selbst schuld, wenn der Nutzer die App benutzt und damit seiner Rechtlosigkeit zustimmt.

Allerdings – und auch das ist erwähnenswert, wird in den Datenschutzbestimmungen folgendes sinngemäß gesagt: Informationen, die Du freiwillig über unseren Service teilst, sind öffentlich und können von anderen ohne Einschränkung gesehen und genutzt werden. Wir kontrollieren nicht, ob Deine Informationen zu Deiner Identifizierung ausreichen und mit der Nutzung unseres Services erklärst Du, dass Du das Risiko kennst und dass Du weißt, dass Deine Informationen von anderen gesehen und genutzt werden können.

Hier wird auch erklärt, dass die gesammelten Infos zu Marketingzwecken verwendet werden können und eventuell an Partner weitergegeben werden.

Ich würde es sehr begrüßen, wenn auch für Apps gilt, dass diese alle Nutzungsbedingungen und Datenschutzbestimmungen und Anbieterkennzeichnungen in der Sprache, die im Land des Downloads gesprochen wird, verfassen müssen. Zudem sollte eine Mindestgröße für die Schrift eingehalten werden und eine klare Aufgliederung das Lesen und Verstehen erleichtern. Vielleicht würden dann ein paar mehr Nutzer merken, wie sehr sie von manchen App-Herausgebern zu deren Nutzen verarscht, verkauft und in Gefahr gebracht werden.

Markus Burgdorf

 

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Category: Allgemein, Meinung

About the Author ()

Markus Burgdorf startete App-kostenlos.de im Januar 2010 und hat seitdem über 10.000 Apps getestet. Mittlerweile berät er über die App Agency App-Herausgeber in den Bereichen Vermarktung von Apps, Entwicklung von Apps, Internationalisierung und arbeitet mit seinen Kunden daran, das Nutzererlebnis bei der Verwendung von Apps zu verbessern.

Comments (2)

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  1. Chris L. sagt:

    Herausragender und wichtiger Artikel!
    Besonders gut finde ich, dass Du nicht nur den Finger in die (Problem-)Wunde legst, sondern auch richtige gute Tipps zur Prävention gibst!
    Weiter so!
    Solch kritische Artikel sind mindestens genauso wichtig, wie die Empfehlung kostenloser Apps.

  2. Artur sagt:

    Guter Artikel..ich z. B. habe noch nie was von YouNow gehört und habe gleich ein erstes Bild davon, was die App ist und was man damit macht..und natürlich welche Gefahren diese App birgt..
    Für Eltern sicher sehr lehrreich.

    Vielen Dank

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